Agenturfotos für Weinguts-Webseiten?

Sie haben sie sicher auch schon entdeckt: Diese total professionellen Fotos, mit denen sich Websites öfters schmücken. Die Mitarbeiter sehen auf einmal alle aus wie Models, die Geschäftsräume wirken architekturpreisverdächtig. Schade nur, dass man nirgendwo den Betriebsinhaber / Formenchef entdecken kann. Und wenn doch fällt ausgerechnet sein Foto (Passfoto?) unverhältnismäßig stark ab gegenüber den anderen Bildern.

Manchmal merkt man es gleich, manchmal wächst die Ahnung erst langsam: Immer mehr Website-Betreiber nutzen das wachsende Bildmaterial der Agenturen zur Illustrierung ihrer Seiten. Erleichtert wird das nicht nur durch das rasche Wachstum der sogenannten „Stockphotography”: Das sind Archivbilder, die man für wenig Geld oder manchmal auch kostenlos bekommt. Das Angebot auf den Bildarchiv-Seiten wird auch immer diffenrenziert: Zu jeder noch so kleinen Branche (und natürlich erst recht zum Thema Wein) findet man universelles Bildmaterial.

Und so langsam wird durch deutsche Fotografen auch eine Schwäche ausgebügelt, die in den Anfangsjahren markant war: Da das meiste Bildmaterial der international arbeitenden Agenturen aus den USA kam, wollten sich die Anbieter auch an ethnischen Grundsätze ihres Hauptabsatzlandes halten. In einem Einwanderungsland wie den USA bedeutet dies, dass zahlenmäßig auch alle ethnischen Gruppen vertreten sind. Bei der Darstellung auf deutschen Websites wunderte sich dann doch so mancher Besucher darüber, wie international der Mitarbeiterstamm wirkt, in dem Menschen aller Hautfarben versammelt sind.

Dezenter ist das dann meistens bei der Darstellung des Produktes Wein gelöst: Freilich erfolgt diese Darstellung in Agenturfotos fast immer ganz ohne Etikett. Aber hier können Winzer am ehesten auf Bildmaterial zurückgreifen, das bei verschiedenen Anlässen gemacht wurde.

Nun haben universelle Lösungen meistens einen Sinn: Website-Baukästen werden im TV ja auch damit beworben, dass man mit wenigen Mausklicks die Farbe wechseln kann und dann ein ganz „individuelles” Webdesign hat. Wenn der Sinn universeller Lösungen alleine in der Ersparnis liegt, dann wäre das sicher für Preisvergleichs-Seiten akzeptabel (die machen das aber nicht). Dort gehts ums Sparen.

Beim Wein dagegen gehts um Individualität. Um die Persönlichkeit des Winzers, die Handschrift eines Menschen, der einem Lebensmittel seine ganz eigene Prägung verleiht. Da würde ich als Kunde doch gerne etwas mehr erfahren, als man mit universellem Bildmaterial vermitteln kann.

Und wer partout seine Kunden solche Einblicke (also in optischer Form durch Fotos) nicht gewähren möchte, der findet noch immer genügend Möglichkeiten, sich anders darzustellen: Durch anspruchsvolle und aussagefähige Texte zum Beispiel. Durch eine besondere Typografie kann man den Charakter eines Weingutes auch sichtbar machen, durch minimalistische Formen ebenso wie durch Farbgebung. Meiner Meinung nach kann man sogar (fast ganz) auf Fotos verzichten, wenn man den Aufwand für gute Aufnahmen scheut. Der Aufwand für eine individuelle Website wird dadurch freilich kaum geringer.

Die Kunden, so ist meine Erfahrung, beurteilen Websites ganz unterschiedlich und reagieren durch ihr Kaufverhalten auch ganz unterschiedlich. Den Verkauf bei der Gestaltung in den Vordergrund zu stellen, hieße, das Pferd am Schwanze aufzuzäumen. Wenn Website und Winzer zusammen passen, dann ist das optimal. Und wenn das Vertrauen da ist und das Produkt ansprechend ist (und der Preis), dann kaufen die Leute auch.

Nur in einem Punkt sind fast alle Menschen gleich, im Web und im Privaten und im Geschäftsleben: Sie machen sich ein Bild vor allem gerne von dem Menschen, mit dem sie es zu tun haben. Wenn auf der ganzen Website nur ein Foto stehen soll, dann sollte es den Winzer / die Winzerin zeigen. Die Neugier der Menschen auf das Gegenüber scheint unstillbar. Und dieses Bild vom Gegenüber scheint auch (zumindest teilweise) die Grundlage für Vertrauen im Onlinehandel zu sein.

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