Z’Nüne, oder: das aus der Zeit gefallene Vesper

Z’Nüne sagt der Badener, wenn er begründen will, warum er um 9 Uhr sein Handwerkszeug ins Eck wirft: Um neun Uhr gibt es traditionell das Vesper. Früher waren das zur Arbeit mitgebrachte handfeste Gerichte, Brote mit Wurst und Käse, manchmal auch was Warmes. Wer zuhause arbeitete und vesperte, der schnitt sich eine Scheibe Brot und vielleicht noch eine Scheibe Speck oder Schinken ab.

Heute gibts was auf die Hand aus der Bäckerei, die in erschreckend vielen Fällen auf dieses Anliegen schlecht vorbereitet ist: Eine Butterbrezel kann man haben, in der Metzgerei schneidet man schon auch mal ein Weckle auf und legt ein paar Scheiben Wurst drauf. Im besten Fall gibts eine Scheibe warmer Fleischkäse aufs Brötchen.

Das Wort Brotzeit scheint mittlerweile genauso antiquiert zu sein, wie der Begriff Vesper. Und das in einer Zeit, da alleine 2014 schon fast 80 Bücher über veganes Essen erschienen sein sollen (habe ich gelesen) und das Thema Kochen täglich etliche Sendestunden bei diversen TV-Sendern bekommt. Vielleicht sollte sich einer der prominenten Köche mal des Themas annehmen, stylische Kompositionen für die Versperdose ersinnen und schick in Szene setzen. In Zeiten, in denen schon die gute alte Brezel stolze 70 Cent kostet und ein Brot gerne mal auf drei bis vier Euro kommt, könnte doch auch das Vesper eine Renaissance erleben.

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